200 Jahre Organon

200 Jahre Organon

Wo Samuel Hahnemann das Organon schrieb

(veröffentlicht im Sonderheft der Zeitschrift: Naturheilpraxis, November 2010)

Nach dem 2. Weltkrieg erlebte die Ausübung der Homöopathie in Deutschland einen Niedergang und damit erlahmte auch das Interesse an ihrer Geschichte. Erst mit der Renaissance der Homöopathie in den 80er und 90er Jahren nahm auch das Interesse an ihren Ursprungsorten wieder zu. Da diese vornehmlich in Mitteldeutschland liegen und in der damaligen DDR keine Würdigung der Homöopathie erfolgte, gab es lange kaum Möglichkeiten, diese Stätten zu besuchen. Langsam, aber stetig wächst das Interesse an der Homöopathie und ihrer Geschichte. In diesem Jahr blickt die homöopathische Welt auf 200 Jahre Existenz des „Organon der Heilkunst“ zurück, eines ihrer Grundlagenwerke, das Samuel Hahnemann, 1810 in Torgau verfasste.

Das Haus Pfarrstraße 3 in Torgau geriet wegen seines schlechten baulichen Zustandes auf die Abrissliste der Stadt. Dank eines Regenschadens und der dadurch freigelegten farbigen Wandmalereien wurde der Plan geändert und restauratorische Untersuchungen begannen. Durch Nachforschungen des Torgauer Geschichtsvereins wurde der Kaufvertrag gefunden, der von Dr. Samuel Hahnemann am 15. März 1805 unterzeichnet worden war. Biografien Hahnemanns enthielten Angaben, wonach Samuel Hahnemann in Torgau gewohnt hatte, aber erst seit 2005 steht sicher fest, in welchem Haus.

Während 2002 umfangreiche Restaurierungs- und Sanierungsmaßnahmen am Torgauer Hahnemann-Haus begannen, schloss sich eine Gruppe von Homöopathen, beraten und unterstützt von namhaften Kollegen aus der ganzen Welt, 2003 zum Internationalen Homöopathiekolleg Torgau e.V. zusammen, um das Haus für die Nachwelt zu bewahren und im Sinne Hahnemanns wiederzubeleben. Einer der Mitbegründer ist Dr. Peter Alex, der derzeit Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins ist.

Schon 2003 begann die erste 3-jährige berufsbegleitende Homöopathie-Ausbildung am Torgauer Kolleg. Für jeden Ausbildungskurs findet ein Wochenendseminar im Monat statt. Jährlich melden sich 8 – 15 an Homöopathie Interessierte an, um in historischem Ambiente eine fundierte Homöopathieausbildung zu beginnen. Anders als Hahnemanns Studenten stehen unseren Kursteilnehmern moderne Lehrmittel, eine Lehrpraxis sowie zahlreiche Bücher in unserer Bibliothek zur Verfügung.

Nachdem die Familie Hahnemann bereits 1801 bis 1803 schon einmal ganz in der Nähe (in Eilenburg) gewohnt hatte, führte sie ihr Weg über Wittenberg, Dessau und Schildau schließlich, nach mehreren Umzügen um Weihnachten 1804, in das stattliche Torgauer Freihaus – „ein Haus mit Einfahrtthor und Garten“...

Hahnemanns Torgauer Haus hatte bereits eine mehr als 300jährige Geschichte, als die Familie es bezog. So war es vom sächsischen Kurfürsten Friedrich dem Weisen Anfang des 16. Jahrhunderts als Lehen an seinen Berater Hans von Minckwitz gegeben worden. Daher war es ein „Freihaus“, was bis ins 19. Jahrhundert bedeutete, dass der Besitzer keine Steuern und Abgaben an den Rat der Stadt leisten musste. Es war, ursprünglich als städtischer Adelssitz errichtet, auch um 1800 noch ein repräsentatives Gebäude. Die heute wiederhergestellten prächtigen Wand- und Deckenbemalungen aus der Renaissance hat die Familie Hahnemann jedoch nie zu Gesicht bekommen, da alle Decken – der Mode der Zeit entsprechend – abgehangen und mit Stuck verziert worden waren.

In Torgau nahm Dr. Samuel Hahnemann noch vor Weihnachten 1804 seine Praxistätigkeit auf, die Zahl der Praxisbesucher stieg ständig an: 1811 kamen durchschnittlich 5 Kranke pro Tag, wobei Hahnemann auch an Sonn- und Feiertagen behandelte.

Von den Kranken waren etwa zwei Drittel Torgauer, die übrigen kamen aus der näheren und weiteren Umgebung. Auch Kranke aus Eilenburg und Schildau, früheren Wohnorten Hahnemanns, kamen nach Torgau.

Aus der Torgauer Hauschronik sind einige anekdotenhafte Angaben überliefert. In letzterer heißt es:

„1805 kaufte Dr. Samuel Hahnemann das auf der Pfarrgasse dem Lohgerber Möbius, später dem Rentier Mehl gehörige, neben dem Diakonat gelegene Wohnhaus, mit Einfahrt, um seine homöopathischen Kuren an Kranken und Leidenden zu versuchen. Da man noch unbekannt mit dieser Kurmethode war, so erregte dies Aufsehen, dass die winzig kleinen Kügelchen mehr helfen sollten als ganze Löffel Medizin. Der Glaube that aber auch hier das Seinige; es wurde vielen geholfen, aber auch vielen nicht….“

1805 nahm Hahnemann noch einmal eine größere Übersetzungsarbeit an, die seine letzte werden sollte. Es handelte sich um die Arzneimittellehre des berühmten Schweizer Medizinprofessors Albrecht von Haller, die er 1806 fertigstellte. Neben dieser Arbeit veröffentlichte er 1805 einen Artikel in Hufelands „Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst“, der die Überschrift „Heilkunde der Erfahrung“ trug.

Als die „Heilkunde der Erfahrung“ erschien, war Hahnemann 50 Jahre alt und seit mehr als 25 Jahren Arzt. Er hatte mehr als 70 medizinische und pharmazeutische Veröffentlichungen geschrieben und bereits zu dieser Zeit – noch nicht einmal er selbst sprach damals von „Homöopathie“ – deutschlandweite Bekanntheit erreicht. In all diesen Jahren hatte er – anfangs weniger praktisch als durch umfassendes Studium nahezu des gesamten medizinischen Wissens seiner Zeit – an seinem Fernziel gearbeitet: einer Medizin, die sanft, schnell, sicher, dauerhaft und nach deutlich einzusehenden Gründen heilen sollte.

Dass Hahnemann in Torgau ausreichend Ruhe zum konzentrierten Arbeiten und eine Zeit ohne materielle Sorgen erlebte, wird aus dem Umfang seiner Publikationen 1805 bis 1811 deutlich. Neben 5 Schriften zu chemisch-pharmazeutischen Themen erschienen in der Torgauer Zeit einige der bedeutendsten Arbeiten Hahnemanns:

Äskulap auf der Wagschale, (1805)

Fragmenta de viribus medicamentorum positivis sive in sano corpore observatis, (1805)

Heilkunde der Erfahrung, Hufelands Journal, (1805)

Fingerzeige auf den homöopathischen Gebrauch der Arzneien in der bisherigen Praxis,

Ueber den Werth der speculativen Arzneysysteme, besonders im Gegenhalt der mit ihnen gepaarten gewöhnlichen Praxis, anonym, (1808)

Auszug eines Briefes an einen Arzt von hohem Range über die höchst nöthige Wiedergeburt der Heilkunde, ebenda, (1808)

Bemerkungen über das Scharlachfieber, ebenda, (1808)

Ueber die venerischen Krankheiten und ihre Cur, (1809)

Belehrung über das herrschende Fieber, anonym, (1809)

Organon der rationellen Heilkunde (1810)

Reine Arzneimittellehre, Theil I, (1810)

Als Würdigung der Wurzeln und des Vorläuferwerkes des Organon- das war dieser Artikel in Hufelands Journal 1805 zweifelsohne- hat das Internationale Homöopathiekolleg Torgau im Juli 2010 den Artikel „Heilkunde der Erfahrung“ als gesonderten Band veröffentlicht. Der Verkaufserlös dient der Erhaltung des Hahnemann-Hauses. (Verkaufspreis 12,80 Euro, zu bestellen unter info@hahnemann-torgau.de oder www.hahnemann-torgau.de)

Fünf Jahre nach der Veröffentlichung des Artikels in Hufelands Journal erschien 1810 bei Arnold in Dresden die erste Auflage des „Organon“. Noch hieß es Organon der rationellen Heilkunde. Ab der zweiten Auflage nannte Hahnemann sein Werk Organon der Heilkunst. Damit wollte er zum Ausdruck bringen, dass er keine andere Heilkunde anerkenne, als die seinige.

Im Vorwort zur ersten Auflage schreibt Hahnemann:

Kein Geschäft ist nach dem Geständnisse aller Zeitalter einmüthiger für eine Vermuthungskunst erklärt worden, als die Arzneikunst; keine kann sich daher einer prüfenden Untersuchung, ob sie Grund habe, weniger entziehen, als sie, auf welcher das theuerste Gut im Erdenleben, Menschengesundheit sich stützt.

Ich rechne mirs zur Ehre, in neuern Zeiten der einzige gewesen zu seyn, welcher eine ernstliche, redliche Revision derselben angestellt, und die Folgen seiner Ueberzeugung theils in namenlosen, theils in namentlichen Schriften dem Auge der Welt vorgelegt hat.

Bei diesen Untersuchungen fand ich den Weg zur Wahrheit, den ich allein gehen mußte, ……Je weiter ich von Wahrheit zu Wahrheit vorschritt, destomehr entfernten sich meine Sätze, deren keinen ich ohne Erfahrungsüberzeugung gelten ließ, von dem alten Gebäude, was aus Meinungen zusammengesetzt, sich nur noch durch Meinungen erhielt.

Die Resultate meiner Ueberzeugungen liegen in diesem Buche.

Während er in der 1. Auflage noch von einem einsamen Weg spricht, den er alleine geht und von einer rationellen Heilkunde, so spricht er im Vorwort zur 6. Auflage von der mehr vervollkommnenden, wahren Heilkunst, der Homöopathik und wettert folgendermaßen über die Allöopathie:

Diese Unheilkunst, welche seit einer langen Reihe von Jahrhunderten in dem Vorrechte und der Macht, über Leben und Tod der Kranken nach Willkühr und Gutdünken zu verfügen, wie eingemauert fest sitzt und seitdem einer, wohl zehnmal größeren Anzahl von Menschen das Lebensziel verkürzte, als es je die verderblichsten Kriege gethan, und viele Millionen Kranke kränker und elender machte, als sie ursprünglich waren - diese Allöopathie habe ich in der Einleitung zu den vorigen Ausgaben dieses Buches näher beleuchtet. Jetzt werde ich bloß ihren geraden Gegensatz, die von mir entdeckte (nun etwas mehr vervollkommnete), wahre Heilkunst vortragen.

…. (Die Homöopathik) kann jeden Nachdenkenden leicht überzeugen, daß die Krankheiten der Menschen auf keinem Stoffe, keiner Schärfe, d.i. auf keiner Krankheits-Materie beruhen, sondern daß sie einzig geistartige (dynamische) Verstimmungen der geistartigen, den Körper des Menschen belebenden Kraft (des Lebensprincips, der Lebenskraft) sind. Die Homöopathik weiß, daß Heilung nur durch Gegenwirkung der Lebenskraft gegen die eingenommene, richtige Arznei erfolgen kann, eine um desto gewissere und schnellere Heilung, je kräftiger noch beim Kranken seine Lebenskraft vorwaltet. Die Homöopathik vermeidet daher selbst die mindeste Schwächung ,……. und daher bedient sie sich zum Heilen bloß solcher Arzneien, deren Vermögen das Befinden (dynamisch) zu verändern und umzustimmen…., - ein zwar leicht scheinendes, doch sehr nachdenkliches, mühsames, schweres Geschäft, was aber die Kranken in kurzer Zeit, ohne Beschwerde und völlig zur Gesundheit herstellt - und so ein heilbringendes und beseeligendes Geschäft wird.

Der ersten Auflage des Organons stellt er das Gellertsche Wort voran:

„Die Wahrheit, die wir alle nötig haben,

die uns als Menschen glücklich macht,

ward von der weisen Hand, die sie uns zugedacht,

nur leicht verdeckt, nicht tief vergraben.“

Besonders in der Ärzteschaft war die erste Auflage des Organons wenig verbreitet. „Indolenz, Gemächlichkeit und Starrsinn beim Dienste am Altar der Wahrheit“ hatten, wie Hahnemann richtig vorausgesagt hatte, bei Kollegen kaum Interesse an der neuen Heillehre aufkommen lassen. Das Werk war eher in den Kreisen der gebildeten Laien und bei seinen Patienten verbreitet. Hahnemann nahm keinen Kranken zur Behandlung an, der nicht, sofern er finanziell und seiner Bildung entsprechend in der Lage dazu war, zuvor das „Organon“ gekauft und studiert hatte.

Neun Jahre später erschien die 2. Auflage. Nicht nur den Titel hatte Hahnemann in „Organon der Heilkunst“ geändert, sondern er setzte die Worte „Aude sapere“ – „Wage, zu wissen!“ auf die Titelseite. Dieses Motto stellte er auch der 3. (1824), 4. (1829), 5. (1833) und 6. Auflage (1921) dem Organon voran. Die 6. und letzte Auflage des Organon, dessen Manuskript Hahnemann 87-jährig im Jahr 1842 fertiggestellt hatte, wurde erst 1921 von Richard Haehl herausgegeben.

Noch heute liegt diese 6. Auflage des Organon auf fast jedem Schreibtisch eines Homöopathen, viele nennen es scherzhaft die Bibel der Homöopathie. Das Werk beinhaltet 291 Paragrafen, deren Inhalt damals wie heute Grundlage der homöopathischen Behandlung war. Homöopathie als eigenständige Methode und Heilkunst erfreut sich wachsenden Interesses und zunehmender Akzeptanz. Ihre Erfolge lassen sich nicht übersehen, obwohl die Wirkmechanismen noch ungeklärt sind. Wie schon zu Hahnemanns Zeit gibt es zur Homöopathie viele ablehnende und polemische Äußerungen aus Kreisen sich naturwissenschaftlich dünkender Mediziner.

Ist das Organon noch zeitgemäß? Reicht der naturwissenschaftliche Ansatz für eine Medizin des 21. Jahrhunderts? Diesen Fragen wird auf dem Internationalen Coethener Erfahrungsaustausch „200 Jahre Organon“ vom 11.- 13. November diesen Jahres nachgegangen. Namhafte Referentinnen und Referenten werden ihre Sicht auf die vielfältigen Aspekte des Organons erörtert und zur Diskussion stellen.

Trotz Widersprüchlichkeiten und offenen Fragen ist es der Homöopathie gelungen, als eigenständige Therapie während der vergangenen 200 Jahre zu gedeihen, viele Kranke zu heilen und ihren Erfahrungsschatz stetig zu erweitern.

© Carola Scheuren

info@hahnemann-torgau.de

Quellen:

Alex, Peter; Wo das Organon entstand, Edition Krannich, Grimma 2004

Hahnemann, Samuel; Organon der rationellen Heilkunde, Arnold, Dresden 1810

Organon der Heilkunst, 6. Auflage, Verlag von Dr. Wilma Schwabe, 1921

Herzog, Jürgen; Samuel Hahnemann- Seine Lebensstationen Schildau und Torgau, Schriften des Torgauer Geschichtsvereins Bd. 5, Torgau 2005

Kaiser, Daniel und Schmidt, Josef M; Samuel Hahnemann – Gesammelte kleine Schriften, Haug Verlag, Heidelberg 2001

Carola Scheuren und Dr. Egon Krannich, Zu den Ursprüngen der Homöopathie, Ein Reiseführer, Krannich Verlag 2008




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