Homöopathie


Dr. Wilhelm Heinrich Schüßler,

einst homöopathischer Arzt und Begründer eines eigenen Heilsystems.

Schüßler war ein Anbeter der heiligen Einfachheit und wird bei denen die gleichen Glaubens sind, zu allen Zeiten Freunde finden.

Das Beherrschen von Hunderten sorgfältig durchgeprüfter Arzneien mit Aberhunderten von Symptomen ist ihm zu kompliziert, er reduziert die Arzneimittellehre auf elf Mineralsalze, büßt aber dabei den Similegesichtspunkt ein. Seine Mittel sind nach homöopathischer Methode hergestellten, haben aber mit Klassischer Homöopathie wenig zutun. Kein Mensch kann mehr die Begründung gelten lassen, die er selbst ihr gab. Aber seine hervorragende Beobachtungsfähigkeit hat ihn zu einem souveränen Meister seiner elf Arzneistoffe gemacht, und von dieser Kunst profitieren seine Gefolgsleute für alle Zeiten.

1871 wird Schüßler im oldenburgischen Land als Sohn eines Steuereinnehmers geboren. Das Gehalt des Vaters ist klein und der hochbegabte Sohn muss sich, da höherer Schulbesuch nicht möglich ist, als Autodidakt fortbilden. Es packt ihn die Begeisterung für fremde Sprachen, im Lauf der Jahre lernt er Griechisch, Lateinisch; Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch und wagt sich sogar an Sanskrit heran. Dann strahlt Hahnemanns Gestirn in seine Welt. Mit Inbrunst arbeitet er daran, homöopathischer Laienbehandler zu werden.

Sein Bruder, der bereits einen einträglichen Beruf ausübt, verehrt ebenfalls die Homöopathie und ist bereit, Wilhelm Heinrich eine abgeschlossene Schulausbildung und ein Hochschulstudium zu ermöglichen, wenn dieser sich verpflichtet, später wirklich als homöopathischer Arzt tätig zu sein. Der junge Schüßler verspricht es, um es zuletzt dann doch nicht zu halten, was schließlich so weit geht, dass er im Alter Briefe, auf denen er als homöopathischer Arzt tituliert wird, mit dem ärgerlichen Vermerk „ kein homöopathischer Arzt“ zurückgehen lässt.

Sein Medizinstudium vollendet er in Gießen, nachdem er vorher die Gymnasialreifeprüfung nachgeholt hat. 1857 kann er endlich in Oldenburg als reifer Mann seine ärztliche homöopathische Praxis eröffnen. Als einsamer Vertreter der Lehre Hahnemanns im nördlichen Deutschland verfasst er mehrere dafür werbende Broschüren, tritt auch als literarischer Kämpfer gegen akademische Widersacher Hahnemanns von Rang und Würde auf und plant noch 1871 , eine homöopathische Arzneimittellehre zu verfassen. Aber Anfang der siebziger Jahre bedrängt ihn die Fülle des Arzneimittelschatzes zu sehr. Immer neue Stoffe werden geprüft, immer neue Symptomenreihen stellen ihre Anforderungen an Gedächtnis und Schauvermögen.

Der Arzt aus Oldenburg will kein Gelehrter und kein universaler Geist sein, sondern ein handfester Helfer seiner ebenso handfesten Kranken. Feste Grenzen wünscht er um sein einfaches Handeln gezogen, keine endlosen Weiten. Er sieht sich nach Hilfen um. Wo steckt das Elementare? Von Berlin her antwortet Virchows Stimme: in der Zelle. Die Zelle ist der Elementarorganismus.

Virchows Zellularpathologie verlegt alles krankhafte Geschehen in die einzelne Zelle, in Zellgruppen hinein, richtet den Blick auf bestimmte, eng umgrenzte Bezirke des Organismus und kommt dem grenzhungrigen Schüßler damit entgegen. Der Physiologe Moleschott bringt mit einem Lehrsatz in das ungeheuer vielfältige und differenzierte Gefüge der Zellularpathologie eine gewaltige Einfachheit: die Krankheit der Zelle entsteht durch Verlust an anorganischen Salzen. Aus Virchows Lehre und Molechotts Vereinfachung baut der Oldenburger Doktor sein System auf, das sich auf den schlussfolgernden Satz gründet: die Gesundheit der Zelle muss entstehen durch Deckung des Mineralssalzverlustes.

Als alter Homöopath weiß Schüßler, dass er dem kranken Organismus die Salze, die sein Defizit beseitigen sollen, nicht massiv anbieten darf, sondern die potenzierte Form zu wählen hat. Die „Verdünnung“, D 6, wird seine Normalgabe, bei einigen der Mittel auch die D 12. Er verwendet diejenigen elf Salze, die zu seiner Zeit als notwendige Zellbestandteile erkannt sind, als Universalmittel und nennt sein Verfahren Biochemie. „Die Biochemie erreicht ihr Ziel direkt“, lehrt er –und definiert dieses Ziel ausdrücklich und ausschließlich als „Deckung des Defizit; die anderen Heilmethoden, welche Mittel anwenden, die den menschlischen Organismus konstituierten Stoffen heterogen sind, erreichen das Ziel indirekt“. Dabei ist er unerschüttlich gewiss, „Dass die biochemischen Mittel, nach richtiger Wahl angewendet, zur Heilung aller durch innerliche Mittel heilbaren Krankheiten genügen“.

Mit letzterem Satz irrt er sich – und zwar auf dem Grund und Boden seines eigensten Gebietes der Mangelkrankheiten. Die große Zahl der krankhaften Zustände aus Vitaminmangel, von der Rachitis und dem Skorbut bis zur „europäischen Beri-Beri“ im Sinne Bircher-Benners ist durch Schüßlers elf Zellfunktionenssalze nicht beeinflussbar. Dass hingegen homöopathische Hochpotenzen Vitamine zu ersetzen und unnötig zu machen vermögen, konnte H.E. Sieckmann zeigen. Immerhin bleiben Schüßler große Verdienste .Wie sein Zeitgenosse Julius Hensel und etwas später vor allem Heinrich Lahmann und Ragnar Berg lenkt er die allgemeine Aufmerksamkeit auf die therapeutische Bedeutung des Mineralstoffwechsels. Darüber hinaus führte er neue Mittel ein, deren sich die Homöopathie mit Gewinn bemächtigt, vor allem das phosphorsaure Kalium. Drittens aber – und das ist seine unvergängliche Tat – lehrte er die totale Beherrschung seiner wenigen Arzneien, obwohl seine biochemische Theorie ungenügend und seine allgemeingültige Definition der Krankheiten als Defiziterscheinungen falsch war. Man kann bei Schüßler lernen, wenige Mittel in allen Abstufungen zu meistern, ein Virtuose auf einer winzig kleinen therapeutischen Skala zu werden. Schüßlers Begründungen sind heute hinfällig, auch seine Nachfolger erklären die Wirkungen anders als er, etwa durch Elektrolytverschiebung oder konstitutionelle Reiztherapie, seine Erfolge jedoch lassen sich im rechten Rahmen noch immer erzielen. Praktisch handelt es sich um „Homöopathia involuntaria“, ungewollte Homöopathie – und so endet denn der Weg des Anhängers der arzneilichen Einfachheit dort, wo er anhob. Als Gewissensschärfer in Fragen der Meisterung des Arzneimittelschatzes, als hoher Künstler der Beschränkung zugunsten der Vertiefung bleibt Schüßlers Idee am Sockel des Hahnemanndenkmals hocken.

Mit seinem Satz: „Wenn mein Heilsystem später zur Anerkennung gelangt, wird die homöopathische Pharmazie überflüssig“, hat er ins Leere gehofft, aber mit seinem winzigen, in mehr als fünfzig Auflagen erschienen Büchlein „ Eine abgekürzte Therapie“ wirkt er unablässig fort. Zwei Jahre vor Beginn des neuen Jahrhunderts ist er gestorben.

Carola Scheuren

Quelle: Hermann Fritsche über Samuel Hahnemann, erschienen im Burgdorf Verlag, 7. Auflage, 1994